Tanzmedizin


Tänzer sind in erster Linie Künstler und erst in zweiter Linie Sportler. Tanz im professionellen Bereich ist mit Hochleistungssport gleichzusetzen. Der Beruf des Tänzers erfordert Ausdauer, große Selbstdisziplin und eine hohe Frustrationstoleranz. Das Arbeitspensum ist enorm, die Ausbildung lang und die Karriere extrem kurz. Schon als Kind und Jugendlicher sind lange Arbeitstage die Regel. Vor allem dann, wenn gleichzeitig noch eine mittlere oder höhere Schulbildung angestrebt wird. Mit Anfang dreißig gehören Tänzer vielfach bereits zu den Senioren.


Tanz und Medizin – eine wertvolle Verbindung

Über die Art und Anzahl meiner Verletzungen möchte ich hier nicht schreiben. Aber viele Tänzer werden wie ich im Laufe ihrer Karriere bei teilweise extremen Leistungsanforderungen mit der Problematik von Verletzungen konfrontiert sein.

Das Erlernen und Ausüben von Bühnentanz auf hohem Niveau kann ein schmerzvoller Prozess sein.

Doch hierbei können Tänzer Unterstützung erhalten. Einerseits durch die professionelle Hilfe von Medizinern, die sich auf tanzbezogene Belastungen und Verletzungen spezialisiert haben. Andererseits, indem wir Tänzer uns die Funktionen unseres Körpers bewusst machen und gezielt vorbeugen.

 Mich hat der langjährige Kontakt zu meinem Arzt immer wieder körperlich und seelisch gestärkt. Er hat mir Vertrauen in die Tanzmedizin vermittelt. So konnte ich Verletzungstiefs überwinden und immer wieder neu motiviert meinen beruflichen Weg fortsetzen.

Ich wünsche allen Tanzmedizinern weiterhin Energie und Engagement in ihrem sehr speziellen Fachgebiet, damit sie uns Tänzern mit neuen Erkenntnissen das Tanzleben erleichtern.

Gregor Seyffert
Tänzer und Künstlerischer Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin
Träger des Deutschen Tanzpreises 2003

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Gesundheit im professionellen Tanz

Tänzer sind in erster Linie Künstler und erst in zweiter Linie Sportler. Tanz im professionellen Bereich ist mit Hochleistungssport gleichzusetzen. Der Beruf des Tänzers erfordert Ausdauer, große Selbstdisziplin und eine hohe Frustrationstoleranz. Das Arbeitspensum ist enorm, die Ausbildung lang und die Karriere extrem kurz. Schon als Kind und Jugendlicher sind lange Arbeitstage die Regel. Vor allem dann, wenn gleichzeitig noch eine mittlere oder höhere Schulbildung angestrebt wird. Mit Anfang dreißig gehören Tänzer vielfach bereits zu den Senioren.

Tanzspezifische Erkrankungen zwingen zudem immer wieder zum Abbruch der Karriere. Bereits relativ geringfügige Beschwerden können das Tanzen schwerwiegend beeinträchtigen oder sogar unmöglich machen. Oft wird versucht, durch intensiveres Training die Leistungsfähigkeit und Bewegungsqualität zu erhalten. Doch dies führt nicht selten zur weiteren Verschlechterung der Beschwerden – bis hin zu teils irreparablen gesundheitlichen Schäden.

Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts hat der französische Ballettreformer Jean Georges Noverre in seinen „Briefen über die Tanzkunst und das Ballett“ auf die beruflich bedingten Fehlbelastungen der Tänzer hingewiesen. Doch erst seit Anfang der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts befassen sich wissenschaftliche Untersuchungen systematisch mit berufsbedingten Erkrankungen der Tänzer. Als Ergebnis stehen uns Empfehlungen zur Prävention, zu Behandlungsverfahren und Rehabilitationsmaßnahmen zur Verfügung. Viele Erkrankungen können heute durch prophylaktische Maßnahmen vermieden oder – bei rechtzeitiger Diagnosestellung – erfolgreich behandelt werden.
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Körperliche Vorraussetzungen

Zahlreiche Tanztechniken bauen auf den Grundlagen des klassischen Tanzes auf. Das Bewegungsvokabular des klassischen Balletts ist den meisten Tänzern vertraut. Oft ist – unabhängig vom tatsächlich getanzten Stil – das klassische Tanztraining die Vorbereitung auf Probe und Vorstellung.

Um die klassische Tanztechnik sauber, funktionell korrekt und damit auch gesund ausführen zu können, müssen Tänzer verschiedene körperliche Voraussetzungen erfüllen. Einige können durch frühzeitiges, fundiertes und intensives Training erarbeitet werden, andere unterliegen der genetischen Veranlagung und sind durch Training kaum beeinflussbar.

Hüfte - das „en dehors“

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Als „en dehors“ bezeichnet man die Außenrotation des Beines im gestreckten Hüftgelenk. Sie ist in fast allen Tanzstilen vertreten. Im klassischen Ballett wird eine extreme Ausdrehung beider Beine von insgesamt 180 Grad angestrebt.

Die Ausdrehung des gesamten Beines wird durch die maximale Außenrotation im Hüftgelenk und die ossären Torsionsverhältnisse von Femur und Tibia bestimmt. Letztere sind genetisch festgelegt und unterliegen einer großen Variationsbreite.

Die maximale Außenrotation im Hüftgelenk ist von mehreren Faktoren abhängig:

  • Knöchern
    – Stellung und Öffnungswinkel des Acetabulums
    – Kurvatur des Schenkelhalses
    – Antetorsionswinkel

    Der Antetorsionswinkel entscheidet maßgeblich über die Größe des „en dehors“. Er ist genetisch bestimmt und liegt im Durchschnitt bei circa 13 Grad. Je kleiner der Antetorsionswinkel, umso größer die natürliche Ausdrehung im Hüftgelenk.

  • Ligamentär
    Das lig. iliofemorale (Y-Band) ist das stärkste Band des Körpers. Es zieht über die ventrale Hüftgelenkskapsel und begrenzt so die Außenrotation. Durch frühzeitigen Trainingsbeginn kann diese Struktur an Elastizität gewinnen. Das „en dehors“ kann dadurch leicht vergrößert werden. Mit Ende der Pubertät sind Ligamente nur noch sehr eingeschränkt dehnbar. Eine dauerhafte Verlängerung ist dann nicht mehr zu erwarten.

  • Muskulär
    Korrekter Einsatz der pelvitrochantären Muskulatur unter Relaxation der antagonistischen Innenrotatoren hilft, das „en dehors“ bis an die knöchern vorgegebenen Grenzen zu nützen. Bei spätem Trainingsbeginn ist dies der wichtigste Mechanismus zur Verbesserung des „en dehors“.

Zur Bestimmung der Gesamtausdrehung des Beines muss die Rotation von Hüfte und Tibia beurteilt werden. Optimales "en dehors" im Klassischen Tanz:

  • Hüftaussenrotation = ab 60°
  • Tibiatorsion = ab 20°

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Knie - Das Säbelbein

Der Begriff „Säbelbein“ wird im Tanz missverständlich gebraucht. Nicht eine angeborene Deformität der Unterschenkel, sondern ein genu recurvatum wird hier als Säbelbein bezeichnet. Genua recurvata sind oft Zeichen einer allgemeinen Hypermobilität. Für den klassischen Tanz sind sie ein typisches Auswahlkriterium: Denn eine Überstreckung des Knies über die gerade Beinachse hinaus ergibt die bei Tänzern erwünschte ästhetische Linie.

Als Kompromiss zwischen stabiler Beinachse und ästhetischer Linie ist eine leichte Hyperextension im Standbeinknie von zehn Grad anzustreben. Im Spielbein bei Bewegungsabläufen in offener Kette kann die volle Hyperextension genutzt werden.

Genua recurvata sind nicht ohne Probleme.

Je stärker das Genua recurvatum,

  • desto größer die notwendige Beweglichkeit im Fuß
  • desto eher die Gefahr der Hyperlordose
  • desto instabiler die Beinachse

  • desto verletzungsanfälliger das Knie

Folgen

Eine Hyperextension von mehr als 15 Grad führt zu Knieinstabilität und Überlastung. Die Balance der kniestabilisierenden Muskeln geht verloren, die Betroffenen „hängen“ in der Hyperextension.

Dadurch können die klassischen Fußpositionen nicht technisch sauber ausgeführt werden. Die erste und fünfte Beinposition sind nur mit gebeugten Knien möglich. Stabilität und Balancefähigkeit sinken.

Genua recurvata führen oft zu einer Verlagerung der gesamten Körperachse nach dorsal. Überlastungsschmerzen im Beinbereich können darin ihre Ursache haben.

Präventive Maßnahmen

Der Tänzer sollte nicht passiv in der Hyperextension hängen. Einer Überstreckung mehr als 15 Grad muss im Training präventiv entgegen gearbeitet werden.

Trainingsschwerpunkte:

  • Sensibilitätstraining

  • Propriozeptives Training zur Stabilisation der Beinachse

  • Balance der Knieextensoren und -flexoren.

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Fuss - der Spann

Der eleganten Linie des Fußes gilt in zahlreichen Tanzstilen besondere Aufmerksamkeit. Als Verlängerung der ästhetischen Beinlinie fordert besonders das klassische Ballett eine maximale Beweglichkeit des Fußes in all seinen Gelenken: den klassischen Spann.

Um die Tanztechnik korrekt ausführen zu können, ist ein großes Bewegungsausmaß in folgenden Gelenken nötig:

  • Oberes Sprunggelenk: aktiv 70 Grad in Plantarflexion; 

  • Chopart- und Lisfranc-Gelenk: aktiv 15 bis 20 Grad in Plantarflexion;

  • Großzehengrundgelenk: passiv 80 Grad in Dorsalflexion.

Metatarsalia, Talushals und Tibia sollen sich in den tanzspezifischen Positionen „halbe Spitze“ und „ganze Spitze“ auf einer Linie befinden, der optimalen Schwerkraftlinie. So wirkt das Körpergewicht axial auf die Fußknochen ein, was biomechanisch die größte Stabilität gewährleistet.

„Cave“: Die für den Tanz aus ästhetischen Gründen häufig selektierten Hohlfußformen mit hohem Rist müssen vom echten Pes cavus mit rigidem Mittelfuß abgegrenzt werden.

Vorraussetzungen für den Spann

Beweglichkeit und Form des Fußes sind zum Teil genetisch festgelegt. Sie können jedoch durch frühzeitiges und korrektes Training verbessert werden. Dabei sollte die Beweglichkeit nie ohne ein zusätzliches Stabilitätstraining geübt werden. Denn nur ein flexibler und kräftiger Fuß ist den Anforderungen des Tanzes gewachsen.

  • Die Beweglichkeit im oberen Sprunggelenk kann durch ein koordinatives Training in geringem Maße verbessert werden.

  • Die Mobilität im Fußwurzelbereich kann durch geeignete Mobilisation in Pround Supination verbessert werden.

  • Die Flexibilität des Großzehengrundgelenks ist durch die knöcherne Struktur des Gelenks bestimmt und kann durch Training nicht vergrößert werden.

Beurteilung des Spanns

Die Beweglichkeitsprüfung des Fußes sollte differenziert in den einzelnen Gelenken erfolgen (siehe vorstehende Ausführungen). Dabei muss zwischen passiver und aktiver Beweglichkeit unterschieden werden.

Aktiver Test auf „halbe Spitze“ und ggf. „auf Spitze“: Im Stand sollte der Fuß in gerader Verlängerung zur Tibia ohne Deviation zur Seite stabilisiert werden können.

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Wirbelsäule - die Beweglichkeit

Eine gute Beweglichkeit der gesamten Wirbelsäule ist die Basis für eine Vielzahl von Tanzbewegungen. Jede Bewegung des Beckens setzt sich in die Wirbelsäule fort. Die dort ankommenden Bewegungen werden vor allem in der Lendenwirbelsäule kompensiert. Darum ist die ausreichende Flexibilität der gesamten Wirbelsäule und die Stabilität der besonders beanspruchten Bereiche von entscheidender Bedeutung.

Für einen gesunden Tänzerrücken sind folgende Voraussetzungen wichtig:

  • harmonische Schwingungen von Lordose und Kyphose;

  • ausgeglichene Beckenbalance; • gute Mobilität in allen Abschnitten der Wirbelsäule;

  • stabile autochtone Rückenmuskulatur;

  • kräftige tiefe Bauchmuskulatur.

Eine gleichmäßig bewegliche Wirbelsäule ist auch bei Vorliegen einer mäßigen Skoliose für den Tanz geeignet.

Broschüre: Tanzmedizin - Ausbildung und Arbeitsplatz Tanz / Quelle: www.unfallkasse-berlin.de
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