Tanzen


Tanz und Bewegung

...und die Bewegung begann zu tanzen...



Sprachlicher Umgang

Der Tanz. Eine uns verzaubernde Bewegungsform hat auch in unserer Umgangssprache ihre Bedeutung erhalten.

Wirklich so verzaubernd?

Die Verwendung des Wortes Tanz finden wir unberufenem Munde meist als eine Abfolge meist übertriebener und nutzloser Aktionen. <Einen tanz aufführen> heisst soviel wie <ein Theater machen>. Diese Metapher deckt sich jedoch nicht mit dem Bewegungsverständnis eines Tanzes. Sind es nicht diese virtuos mit den Möglichkeiten unserer Hülle umgehenden Menschen, die dem Durcheinander fahriger, unkoordinierter Bewegungen Einhalt gebieten und durch unermüdliche Körperschulung dem Zufall keine Chance geben? Ist nicht gerade der Tänzer vorbildlich für seinen tapferen Kampf gegen die Unzulänglichkeit des Körpers, gegen Alter, Trägheit und gegen die Gewohnheit seinem persönlichen Transportmittel, dem Körper, zuwenig Aufmerksamkeit zu schenken?

Dem Durcheinander willkürlicher Bewegungen setzt der Tänzer eine wohlgeordnete Choreographie entgegen, deren Wirkung genau berechnet ist und jeder Schritt seine Bedeutung hat. Der Schwäche des Fleisches kommt der Tänzer durch hartes Üben im Tanzsaal bei, und nie gibt er sich mit vorläufigen Erfolgen zufrieden. Immer schwebt ihm das unerreichbare Ziel vollkommener Beherrschung einer Bewegung vor. Perfektion ist sein Massstab und der gestaltet Tanz, der Tanz als Kunst ist diejenige Form, in der sich der Künstler gegen die imperfekte Form des Lebenstanzes, gegen Zufälligkeit, Beliebigkeit und letztlich menschliche Hilflosigkeit abgrenzt. Aus dem chaotischen Rohmaterial spontaner Lebendigkeit formt sich der gekonnte Tanz, der Kunsttanz. Vergleicht man nun diese Tanzperfektion mit dem Leben, das immer unvollendet bleiben wird, so würde die Umgangssprache nicht mehr den Anspruch erheben können, der übertriebenen und uns vielleicht sogar enervierenden Aktion eines Menschen in einer Alltagshandlung als <Tanzaufführung> zu bezeichnen.

Ästhetik der Tanzbewegung

Der Körper ist heute einer der beliebtesten Konsumgegenstände. Sein erotischer Gebrauchs- und Tauschwert ist beinahe universal einsetzbar. Die ästhetische Reflexion von Körperbildern im Tanz ist eine Spiel mit den Konventionen, eine Öffnung und Überschreitung ihrer Grenzen.

Im Umgang mit Merkmalen, die nützlich sind, um ästhetische Bewegungen begreiflich zu machen herrscht grosse Freizügigkeit. Man gelangt schnell an Grenze von sprachlich Fassbarem. Eine Theorie des Ästhetischen einer allgemeinen Tanzbewegung fehlt. Begriffe in einem Medium anzuwenden, das überwiegend durch subjektive Erfahrungen und nicht messbare Bewegungssituationen gebildet wird, schliesst eine zu grosse begriffliche Verfehlung ein.

Die Beschäftigung mit dem Tanz beinhaltet als wesentlicher Bestandteil die Erforschung und Analyse von Körperformen und Bewegungsmustern. Tänzer und Choreographen haben sich immer wieder damit auseinandergesetzt in anderen Möglichkeiten als der bekannten Bewegungs-Kodices zu experimentieren. In der Kunst des Tanzes geht es wieder um die Suche nach Bewegungsabläufen, welche noch nie getan wurden. Der Tänzer beobachtet die eingespielten Wahrnehmungsmuster des spezifischen Tanzes, überprüft diese und entkräftet sich fraglos bestehende Vorstellungen von Formen und Ordnungen. Als Tänzer zu überraschen bedeutete schon immer eine Veränderung zu demonstrieren. Eine Verwandlung oder auch eine Brechung unbewusster Muster. Eine Formierung und Deformierung gleichermassen.

Abhängigkeit der Bewegung von der Tanzmusik

Menschen, die eine Musik hören und <gar nicht anders als dazu tanzen können> gelten oft als Beispiel für Spontanität. Bei genaueren Überlegungen erkannt man, dass es mehr eine Notwendigkeit ist, sich zu bewegen, denn eine Freiheit. Die Musik hat die Funktion ein Motiv zu bringen, das den Menschen bewegt, ihn motiviert zu tanzen. Die Musik motiviert nicht nur – sie legitimiert sogar. Die Musik spricht nicht das Bewusstsein an, sondern das Unbewusstsein. Sie bewegt dazu mitzumachen, sei es nun die Marschmusik oder die Tanzmusik. Ihre vollendete Wirkung erreicht sie da, wo der Mensch sich nicht nur verführen lässt, sondern auch noch im Glauben ist, aus freien Stücken mitzumachen und seine eigene Konditionierung nicht wahr haben will. Der auf diese Weise vorprogrammierte Mensch folgt dem Programm dessen, was er für seine eigene Natur hält – beim Tänzer sind dies einstudierte Bewegungsabläufe, beim Nichttänzer unstrukturierte Bewegungen zur Musik – und fühlt sich ganz natürlich, ganz spontan.

Der persönliche Rhythmus

Rhythmen wurden in der Evolution möglicherweise zuerst mit dem Gleichgewichtsorgan wahrgenommen. Es ist das Organ, welches das Schwanken und Drehen, das Taumeln und Tanzen eines Körpers in der Welt registriert und korrigieren hilft. Wie das gehen ist auch das Tanzen ein Wechsel einer Ausfallbewegung mit einer Abfangbewegung. Tanzen ist ein Spiel mit beherrschbaren Instabilität. Der Körper der Tanzt , ist mit seinem Gleichgewichtsorgan ein Meister des gewollten Ungleichgewichts.

Rhythmus hat beim Menschen die Tendenz, von selbst zu entstehen und auf die eine oder andere Weise einfach da zu sein, in der Wiederholung von Bewegungen zum Beispiel. Es zeigt sich beim Spazieren in den Beinen und Armen oder beim Zähneputzen mit der Bewegung des Unterarmes. Es ist beim Kratzen im Haar auf die Krümmung eines Fingers beschränkt und durchzieht den Körper beim Schwimmen der Länge nach. Der Rhythmus der Körperbewegung unterscheidet sich von notierten Takten (innerhalb der Vorgabe vom Tempo). Er bleibt nicht konstant. Der Körper neigt dazu sich fremden Rhythmen anzupassen, die gleichzeitig zu hören, zu sehen oder zu spüren sind. Wenn man dem tanzenden Körper die Gelegenheit gibt, in einem wilden Musikrhythmusmix sich zu bewegen, variiert und fluktuiert er. Wenn der Zuschauer (Körper) in einem Schlussapplaus einer Oper sich befindet, dann wird er im Diktat der immer schneller klatschenden Zuschauer ebenfalls schneller applaudieren.

Viele können sich unter einer tänzerischen Bewegung, die ohne Musik und nur aus dem eigenen Rhythmus vonstatten geht, gar nicht vorstellen. Wer kennt aber die Situation nicht. Sie haben soeben die Zusage zu einem Traumberuf bekommen oder ein guter Freund hat soeben eine Meisterschaft gewonnen. Dann beginnen Sie zu tanzen. Aufgrund der Botschaft schwappt unsere Gefühlswallung über die Grenze der Innerlichkeit hinaus und endet in einem Freudentanz quer durch die Wohnung. Das ist ein Tanz nach dem persönlichen Rhythmus.



Bewegen wir uns zum Takt oder zum Rhythmus

Im Zuge der geschichtlichen Entwicklung der Musik und vor allem der Unterhaltungsindustrie hat sich die monorhythmische Struktur (z.B. Pop, Techno, Schlager) gegenüber einer polyrhythmischen (z.B. afrikanische- oder cubanische Musik) durchgesetzt. In den Discos/Clubs bieten die rhythmischen Strukturen leider kaum Abwechslung. Mit einer unveränderlichen Betonung (meistens auf die Eins im Takt) wiederholt sich das rhythmische Geschehen ohne Abwandlung, ohne Modifikation bzw. Weiterentwicklung. Mit diesem Einbruch auf die Eins geschieht auch der Zusammenbruch. Eine ursprünglich freie und lustvolle Bewegung wird eine Notwendigkeit zur Betonung auf den ersten Taktschlag verschoben. Der junge Discogänger glaubt durch die Musik seinen eigen Tanzrhythmus zu finden, aber was er wirklich findet und befolgt ist die Konditionierung durch den Takt. Wenn man Tanz als lebendiger Prozess ansehen möchte, dann kann er dies nur sein, wenn man diese Diktatur des Taktes (lat. für <schlagen>) überwindet und eine Sensibilität für den Rhythmus entwickelt.

Rituelle Bedeutung der Tanzbewegung

Älter als unsere Volkstänze und Gesellschaftstänze sind Tänze mit ihren typischen Bewegungsabläufen welche in vielen ethnischen Gruppen (Stammkulturen) in der ganzen Welt ausgeübt und über Generationen hinweg übermittelt und weitervermittelt werden. Jede Ethnie bzw. tribale Gesellschaft hat mit ihren Körperbewegungen eine eigene Ausdrucksweise im Tanz kreiert. Diese Tänze sind Teil der tribalen Rituale und wurden entwickelt um wichtige Lebenssituationen der Individuen und der Ethnie zu kennzeichnen.

Hier in der Schweiz, wie auch in vielen anderen europäischen Kulturen, nimmt der Tanz eher eine marginale Rolle ein. In zahlreichen anderen Kulturen, wie in den meisten schamanistisch orientierten, insbesondere auch afrikanischen, sowie süd- und ostasiatischen Kulturen, kommt dem Tanz als Kunst-, Geschicklichkeits- und Lebensform jedoch der zentralste Platz innerhalb der Kultur zu, um den herum sich alle anderen Künste und Kunsthandwerke organisieren. Bei uns wird ein Bedürfnis nach Tanz oder rituellen Körperbewegung im allgemeinen als unnötig erachtet und aus der schulischen Erziehung ausgeklammert. Für viele anderen Kulturen ist Tanz notwendiger Bestandteil des Lebens, der Religion und Weltsicht, der Arbeit und Medizin und z. T. sogar im Pflichtunterricht eingebettet.

Der Tanz ist – wie der menschliche Körper selbst - nicht nur kulturgeprägt, sondern prägt aktiv Kultur, ist Erarbeitung von Kultur. Tanzbewegung ist neben der Musik ein integrierender Mechanismus, der zur Bildung, internationalen Stammeskulturen führt. Es bilden sich <tribes> oder Familien, die sich in Inhalten und Habitus von anderen Stämmen abgrenzen. Der Tanz mit seinen ausgewählten Bewegungen wird dann zum verbindenden sozialen Element und zum Mittelpunkt der kultgleichen Feiern.

Ganz allgemein gehören zu den rituellen Tänzen und Tanzrituale Tänze, die bei der Ausübung eines Kultes auszuführen sind (Tänze in der Kirche, bei Prozessionen, Tänze an die Gestirne, Tänze zu Patronatsfesten, etc) und je nach Gesellschaft eine mehr oder weniger wichtige Stellung im Ablauf des kultischen Geschehens einnehmen. Neben der Teilnahme aller Anwesenden gibt es auch spezielle Einzeltänzer oder Gruppen, die den wichtigen Kontakt zu den übernatürlichen Mächten herstellen können. Dazu gehört der Trance-Tanz der Schamanen ebenso wie der Tanz einer bestimmten Gruppe.

Im Tanz finden wir immer Bewegungen vor, die nur von Mann oder Frau getanzt werden. So haben die Frauen und Männer im Salsa neben den Tanzfiguren ihre typischen <shines>. Wir finden aber auch ganze Tänze, so z. B. bei den amerikanischen Indianer, bei welchen für Mann und Frau unterschiedliche Tänze entwickelt wurden.

Im fernen Osten weist jede einzelne Tanzbewegung eine spezielle Bedeutung auf, jede Hand-, Kopf-, Arm- und Fussbewegung vermittelt eine eigene Mitteilung. In Indien wird Tanz, wie bei gesellschaftlichen Anlässen als reine Unterhaltung und auch als Begleitung wichtiger Rituale (z. B. Initiationsriten) eingesetzt. Der Tanz in Japan erscheint im Unterschied zum Tanz in unserer Gesellschaft, sehr formell und die Bewegungen werden sehr langsam ausgeführt. In China hat der einst in der Gesellschaft fest eingebettete Tanz stark an Bedeutung verloren und wurde weitgehend vergessen, der ursprüngliche <chinesische> Tanz wird heute nur noch an Opernvorstellungen gezeigt.

...und der Traum wurde zur Bewegung.....

Im wahrsten Sinne als bewegende Kunst ist Tanz ein ausgezeichnetes Mittel gegen innere und äussere Bewegungsarmut. Und wenn wir einmal mit dem Tanzen begonnen haben, dann werden wir das folgende Zitat im Zusammenhang mit Körperlichkeit und Kultur auch wirklich verstehen können:

Die wahre Kraft einer Kultur sind ihre Träume. Und Tänze sind sich bewegende Menschen, die diese Träume nicht nur repräsentieren sondern auch ausleben.

Roland M. Haller
New Dance Academy Bern

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