Karibik



Geschichte

Unsere Musik ist nicht anderes als der Ausdruck unserer Art zu lieben, zu hassen, zu fühlen, die alltägliche Existenz zu leben, ohne Schutz zu sein, voll von Sonne, Wind und Meer, einem Horizont und einem weiten Himmel, herrlich blau, der uns einhüllt mit unserer wahrhaftigsten Hoffnung der Karibik. (Domingo Alvarez)

Die Salsa-Musik ist kein Rhythmus oder Musikstil. Sie ist die Vereinigung aller musikalischen Tendenzen, die sich heute im urbanen Raum der Karibik treffen. Kubanischen Wurzeln entsprungen, in New York in den siebziger Jahren musikalisch angereichert, hat sich die Salsa seitdem immer mehr ausgebreitet. Es ist kein Wunder, daß die Hochburgen zunächst in Regionen zu finden waren, in denen die gleichen sozialen und kulturellen Bedingungen herrschen wie in Kuba, z.B. in Caracas (Venezuela), Barranqilla und Cali (Kolumbien) oder San Juan (Puerto Rico), deren Bevölkerung sich zu großen Teilen aus Schwarzen und Mulatten d.h. den Nachkommen der afrikanischen Sklaven zusammensetzt. Salsa ist der musikalische Ausdruck des Barrios (Stadtviertels). Die sich immer mehr gleichenden Armenviertel bringen Themen und Traditionen hervor, die heute in den Salsa- Texten zur Geltung kommen: die Familie, die Liebe, die Freunde, die Sraße, das fehlende Geld, die Gewalt und Situationen sozialer Unzufriedenheit.

Auf Kuba, dem Ursprungsland der Salsa, wird Musik nicht zelebriert, sie wird gelebt. Unvorstellbar, daß in irgendeinem Winkel von Havanna nicht Musik gemacht oder gehört würde - selbst bei einem der zahllosen (und stundenlangen) Stromausfälle dröhnt noch irgendwo ein letztes Transistorradio oder intoniert jemand auf einer leeren Flasche eine Rumba. Die populäre Musik Kubas ist ein explosives Mischprodukt, in dem sich auch die wechselvolle Sozial-und Kulturgeschichte des Landes spiegelt. In einem jahrhundertelangen, von Widersprüchen und Auseinandersetzungen geprägten Verschmelzungsprozeß verband sich die traditionelle Musik der spanischen Siedler mit den Tänzen, Liedern und Instrumenten der Sklaven, die sich in Geheimgesellschaften und calbildos de nación zusammenschlossen. Das Ergebnis ist, wie der kubanische Nationaldichter Nicolás Guillén einmal gesagt hat, "klingender Rum, mit den Ohren zu trinken...".

Während der Kolonialzeit erlaubten es die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen nicht, daß sich schwarze und weiße Kulturen auch nur annähernd gleichberechtigt gegenüberstanden. Außer bei religiösen Riten gab es jedoch für die Sklaven noch einige Möglichkeiten, sich musikalisch zu betätigen, z.B. während der Arbeit (Worksongs) oder wenn die weißen Herren ihre Sklaven zum Fest aufspielen ließen, um europäische Besucher mit dem Tanz- und Musikspektakel der "Wilden" zu konfrontieren. Eine dieser Gelegenheiten war der 6. Januar, nach christlicher Mythologie der Dreikönigstag, an dem die Sklaven eines Stammes ihren König wählten und anschließend in Gruppen mit Maskenträgern, Musikern und Tänzern (comparsas) durch die Straßen der Städte bis vor den Gouverneurspalast zogen. Auf dem jeweiligen Plaza de Armas, dem zentralen Waffenplatz, trommelten, tanzten und sangen sie, stürmten die Treppen zum Palast hoch, um dort ihre Neujahrsgeschenke (Süßigkeiten und Getränke, manchmal eine Unze Gold) in Empfang zu nehmen. Dieses Spektakel ließen sich auch die katholischen Spanier nicht entgehen. Demzufolge bedeutete für die Schwarzen der Karneval noch etwas anderes. Es war ihre Gelegenheit, die besten und schwierigsten Tänze mit den kompliziertesten Choreografien zu zeigen, mit Kostümen und Kulturattributen zu defilieren und ihre sonst als minderwertig qualifizierte Kultur zu produzieren.

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So enstand die traditionelle kubanische Rumba als Musik zum Feiern und zum Tanzen, musikalische Unterhaltung aus Sklavenbaracken, Mietskasernen und Vorstädten. Sie ist schwarze Musik, die sich aus dem Überlebenswillen der nach Kuba verschleppten afrikanischen Sklaven entwickelte, die mit Witz und virtuosen Trommelschlägen ihren Alltag auf der Zuckerinsel kommentierten.

Rumba ist in Kuba der Oberbegriff für drei sehr verschiedene Rhythmen: Yambú, Columbia und Guaguancó. Der yambú ist ein heute ziemlich aus der Mode gekommener Paartanz. Die Columbia dagegen gibt als reiner Männertanz Raum für akrobatische Choreografien. Und schließlich ist das, was in Europa heutzuta ge als Salon-Rumba bekannt ist, nichts anderes als eine Version des kubanischen guaguancó. Die alten schwarzen Musiker in Kuba bestehen auf der Feststellung, daß der Guaguancó ursprünglich überhaupt kein Paartanz war, sondern vor allem ein Gesang; so etwa wie eine klingende Zeitung. Der Guaguancó-Sänger unterhielt sein Publikum mit gesungenen Geschichten und Anekdoten, er kommentierte mit deftigem Humor politische Ereignisse und Skandale, er karikierte Aufseher, weiße Herren und Politiker oder plauderte über Klatsch und Tratsch aus dem Stadtviertel, dem barrio. Erst seit Anfang dieses Jahrhunderts wurde dem gesungenen Teil des guaguancó ein getanzter Teil mit einer recht anzüglichen, um nicht zu sagen pornografischen Choreografie angehängt. Tänzer und Tänzerinnen demonstrieren das Ritual der Eroberung, in dem der Hahn die Henne umkreist. Die Zuschauer stehen im Kreis um die tanzenden Paare und kommentieren mit rhythmischen Klatschen, Pfiffen, Rufen und Gelächter den getanzten Geschlechterkampf, der traditionell mit der neckischen Ergebenheitsgeste der Frau endet: Sie erlaubt, daß der Mann ihr Becken "impft" - vacunao nennt man dies auf kubanisch. Allerdings bestehen auch viele Frauen darauf, sich nicht vacunieren zu lassen, als Zeichen tänzerischer Geschicklichkeit.

Die Choreografie des Guaguancó beschreibt ebenso eindeutig wie eindrucksvoll die Symbiose, die in der kubanischen Kultur stattgefunden hat. Man erkennt Gestik und Mimik des Flamenco, die Tanzschritte der kleinen Abakuá-Teufel, den Manila-Umhang und die kubanische Sandale. Man hört den afrikanischen Rhythmus und die Tiefgründigkeit des andalusischen cante jondo. (Miguel Barnet)

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Ursprünglich spielte man die rumba mit Trommeln. Als diese jedoch in der Kolonialzeit verboten wurden, wich man auf Kabeljau-Kisten (cajones), Schubladen oder ähnliches aus. Die Cajones ersetzten die Trommeln vorzüglich, da sie aus einem Holz gefertigt wurden, das beim Trommeln einen schönen sonoren Klang hervorbrachte. Deshalb wurden sie auch nach der Aufhebung des Trommelverbots gerne weiterbenutzt.

Eine Rumba beginnt immer mit dem "Alarm", den die Claves (zwei Klanghölzchen) schlagen und der von einem lalaleo der Sänger begleitet wird, sozusagen das Zeichen für die Anwesenden, daß das Fest nun beginnt. Nachdem der oder die Vorsänger einen Satz oder einen längeren Text improvisiert haben, wiederholt der Chor den Refrain immer wieder, bis sich die Trommler in komplizierte rhythmische Strukturen steigern, wonach der Tanz beginnen kann. Aus den spanischen Traditionen stammen andere Tänze und Liedformen wie z.B. der Guajiro, den die weißen Bauern zu festlichen Gelegenheiten aufspielten. Auch hier wird viel improvisiert - die Sänger kommentieren in Wechselgesängen (controversias campesinas) alltägliche Begebenheiten oder politische Verhältnisse.

Der Danzón, ein Tanz, der sich aus dem französischen Contredance entwickelte, war zunächst eher in den vornehmen Salons Havannas zu Hause. Allerdings wurde auch er ähnlich dem Bolero bald vom Volk aufgegriffen und zu einem beliebten Volkstanz entwickelt. Bis in die zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts waren Musik und Tanz eine Frage der Rassenzugehörigkeit: Die Afrokubaner hatten ihre rumba, die Weißen tanzten danzón. Doch kurz nach der Errichtung der Republik 1902 (der Unabhängigkeit von Spanien und den ersten US-amerikanischen Militärinterventionen) brachten Wanderarbeiter aus dem fernen Südosten Kubas einen Tanz mit nach Havanna, der Scharz und Weiß in sich vereinte - ein kreolisches Mischprodukt aus spanischen und afrikanischen Traditionen: den Son. Von den Spaniern stammen die Verse und die Saiteninstrumente, von den ehemaligen Sklaven die Perkussion und der synkopierte Rhythmus.

Der Son spiegelt die kubanische Seele wider, er ist música mulata - Mulattenmusik, von Europa und Afrika in Kuba. (Nicolás Guillén)
Zum Markenzeichen der kreolischen Kultur wurde der son, weil sich zum ersten Mal weiße und scharze Kubaner mit derselben Musik indentifizieren konnten. In den zwanziger Jahren verbreitete sich der son über die gesamte Insel und in die Städte. An jeder Straßenecke hörte man seinen lasziv synkopierten Rhythmus. Die Musiker begleiteten sich auf handlichen leichten Instrumenten: dem Tres (einer kleinen Schwester der spanischen Gitarre), Bongotrommeln, Maracas (hierzulande als Rumbakugeln bekannt) und den Claves. Als Bass fungierte meist eine leere Flasche. Als nun der Son zum beliebtesten Tanz der Haupstadt avancierte und die tanzwütigen Habaneros immer größere Tanzsäle füllten, erwies sich diese Instrumentierung als zu dürftig. So kamen Gitarre, Kontrabass und Trompete hinzu - die instrumentale Grundausstattung der zahllosen sextetos und septetos im Havanna der zwanziger Jahre.

Der blinde Tres-Spieler Arsenio Rodríguez leitete 1940 eine neue Phase für den Son ein: Er fügte dem traditionelln Son-Septett zwei Trompeter, zwei Sänger, einen Pianisten und einen Conga-Spieler hinzu, nannte diese Orchsterform conjunto und produzierte einen spezifischen Klang, den man heute als Wegbereiter der New Yorker Salsa erkennen kann. Bekanntester Sonero dieser Zeit war Benny Moré, dessen Platten noch heute in Kuba gerne gehört und gekauft werden. Insbesondere galt er als Meister des Son Montuno, der schnellsten und temperamentvollsten Variante des Son aus den Bergen des Ostens, der oft in großer Orchesterbesetzung gespielt wird.

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In den vierziger und fünfziger Jahren machten dem son zwei neue kubanische Rhythmen Konkurrenz, die um die Welt gingen: mambo und chachachá. Alle drei Tänze werden traditionell von Charanga-Orchestern gespielt, deren Klang entfernt an europäische Kaffeehaus-Orchester erinnert: leicht zittrige Geigen, ein sanft verstimmtes Klavier, eine konzertante Querflöte, ein rhythmischer Kontrabass und die hier spezifische karibische Perkussion.

In dem Lied "Mi salsa Cubana" von Septeto Raison heißt es: "...im kubanischen Salsa-Topf köcheln son, mambo, guaguancó und chachachá vor sich hin und verbreiten einen unwiderstehlichen Duft."

In den siebziger Jahren gelangte der son schließlich in die USA. Bekannte Namen wie Celia Cruz oder Tito Puente sorgten dafür, daß er speziell in der Musik- und Nachtclubszene von New York rasch begeisterte Anhänger fand. Das wachsende Interesse stieß bald auf die Resonanz der Medienindustrie: sie begann den son unter dem Begriff salsa (scharfe Soße) weltweit zu vermarkten. Ein typisches Produkt dieser kommerzialisierten Variante ist beispielsweise die Salsa Romantica, die auch dem "weniger feurigen" amerikanischen bzw. europäischen Geschmack entsprach und sich international durchsetzen konnte.

In der Salsa-Szene der USA gibt es wohl kaum ein Fest, das die Latinogemeinde so sehr herbeisehnt, wie das große Straßenfest in Miamis achter Straße. La Calle 8 verwandelt sich in jedem Frühjahr für drei Tage und Nächte in eine Party- und Tanzzone besonderer Art. Die bekanntesten Salsa- und Merengue-Gruppen sind zu Gast und spielen rund um die Uhr für ihre Fans. Miami gilt als Hochburg der Salsa- und Merengue-Kultur, seit sich dort hunderttausende von Exil-Kubanern niedergelassen haben. Sie sorgten nicht nur für eine eigene Infrastruktur mit Wohnvierteln, Clubs und Läden, sondern lockten auch Menschen aus Kolumbien, Brasilien, Venezuela und anderen südamerikanischen Ländern an. Entsprechend bunt und vielseitig präsentiert sich die Musikszene der Stadt, in der die unterschiedlichsten Stile und Nationen verschmelzen.

Von New York aus erfaßte die Salsa den gesamten karibischen Raum. So brachte Richy Rey 1968 die Salsa-Musik auch nach Baranquilla an der kolumbianischen Karibik-Küste, dem Zentrum der Cumbia-Musik und des zweitberühmtesten Karnevals in Amerika. Die dortigen Bewohner nahmen diese Musik als etwas eigenes auf. So ist Baranquilla auch bekannt für seine picos und seine Straßenfeste. Picos sind kleine, bunt mit folkloristischen Themen bemalte Lastwagen mit fest installierten riesigen Lautsprecherboxen. Leute aus einer Straßenzeile schließen sich zusammen, mieten einen pico, sperren die Straße ab und verwandeln sie in eine Tanzpiste. Sie stellen Stühle und Tische heraus und laden die Nachbarn der anliegenden Straßenzüge zu ihrem Fest ein...

Während des Karnevals findet in Baranquilla ein großer Orchesterwettstreit mit mehr als 30.000 Besuchern statt. König diese Festivals ist Joe Arroyo. Achtmal wurde er mit dem höchsten Preis, dem Congo de Oro, ausgezeichnet. Auch auf dem jährlich in Cartagena organisierten größten Musik-Festival der Karibik ist er der Star seiner Heimatstadt. In seiner zwanzigjährigen Musikkarriere hat sich der aus ärmsten Verhältnissen stammende Joe in die Herzen der Menschen gesungen.

Als eigentliche Hauptstadt der Salsa-Musik gilt in Kolumbien allerdings Cali, die Stadt der Rumba. Ihr zugehöriges Land, das Valle ist der größte Zuckerrohrproduzent Kolumbiens. Durch die Vielzahl ehemaliger schwarzer Plantagensklaven erscheint die Rassenmischung eher afrikanisch. Außerdem gab es über den nahegelegenen Pazifikhafen Buenaventura in diesem Jahrhundert eine ständige Immigration von Fremden, angezogen von dem wirtschaftlichen Reichtum der Valle-Region und deren Hauptstadt Cali. Die musikalische Sensibilität der Schwarzen und Mulatten hat der Salsa-Musik in Cali zum Durchbruch verholfen. Schon in den sechziger Jahren wurden die ersten Salsagruppen gegründet u.a. Fruko y sus tesos. Heutzutage gibt es unzählige Salsotecas, in denen man sowohl tanzen als auch Musik hören kann. Im Juanchito, einem ganzen Salsa-Dorf in der Nähe Calis, das nur aus Tanzschuppen besteht, verbringt die Bevölkerung das ganze Wochenende.

Zwischen Weihnachten und Neujahr feiert die Stadt ihr jährliches Fest - die "Feria de Cali". Mit Stierkämpfen und Umzügen, aber haupsächlich als eine große "Rumba" auf allen Straßen und Plätzen, in den Barrios und im Fußballstadion, wo anläßlich des Festivals der Orchester in einem musikalischen Marathon von 12 Stunden etwa 30 nationale und internationale Orchster defilieren. Hier treten die großen Stars der Salsa-Musik auf: Celia Cruz, Ruben Blades, Oscar d´Leon, Marc Anthony, Rey Ruiz etc. und die besten der etwa hundert kolumbianischen Salsa-Orchester wie Grupo Niche oder Guyacan.

Die Caleños haben neben ihrem ganz eigenen Tanzstil auch die berühmtesten Tänzer der Salsa-Bewegung hervorgebracht. Sie sagen, daß der Tanz wie ein Ritual ist, in dem sich Rhythmus, Melodie, Harmonie und Timbre der Salsa-Musik in Bewegung umset zen. Es gibt Wettbewerbe und es gilt als soziales Prestige Salsa tanzen zu können.

"Der Körper weiß mehr von der Welt als das Bewußtsein. Es ist keine Technik, die man lernen kann, wie ihr Europäer das macht mit euren Tänzen. Ihr habt immer Formeln für alles, sogar, um Liebe zu machen, als ob die Liebe und der Tanz nicht aus dem tiefsten Inneren eines Menschen geboren würden, als ob sie nicht der vitale Lebensrhythmus selbst wären...".

Quelle: Salsa Mambo on 123, Schmetterling Verlag - siehe http://www.latino-dance.de/salsaliteratur

Figuren:                  Wikibooks

Technik (englisch):   Dancecentral

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